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Studie: Befürwortung von Sterbehilfe sinkt

Knapp 48% der ÖsterreicherInnen sind für aktive Sterbehilfe

In einer vom Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie der Medizinischen Universität Graz gemeinsam mit dem Wiener Sozialforschungsinstitut IFES durchgeführten Studie wurde an einer repräsentativen Stichprobe der österreichischen Bevölkerung die Akzeptanz von passiver und aktiver Sterbehilfe sowie die Einstellung zur Beihilfe zur Selbsttötung erhoben. Dabei zeigte sich, dass die Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe bei den ÖsterreicherInnen im Vergleich zur letzten Erhebung im Jahr 2010 stark abgenommen hat.

Unter passiver Sterbehilfe versteht man einen von PatientInnen selbst verlangten Abbruch einer medizinisch noch möglichen lebensverlängernden Behandlung bei unheilbarer Krankheit oder schwerem Leiden. Aktive Sterbehilfe bezeichnet die Möglichkeit, dass unheilbar Kranken und schwer leidenden Menschen der Wunsch zum Sterben erfüllt wird, indem ein Mittel verabreicht wird, das ihren Tod herbeiführt. Beihilfe zur Selbsttötung liegt dann vor, wenn einem sterbewilligen Menschen ein Tötungsmittel von einem anderen (zB. von einem/r Arzt/Ärztin) zur Verfügung gestellt wird, das der Sterbewillige dann selbständig anwendet.

Zweitausend ÖsterreicherInnen interviewt

Für die vorliegende Studie wurden 2.000 ÖsterreicherInnen zur Sterbehilfe befragt. Es handelte sich um eine repräsentative Zufallsstichprobe der österreichischen Bevölkerung ab einem Alter von 15 Jahren. Gefragt wurde zuerst nach der Akzeptanz von passiver Sterbehilfe, aktiver Sterbehilfe und Beihilfe zur Selbsttötung bei schwer leidenden und unheilbar Kranken, wobei das Vorliegen von Schmerzen in dieser Fragestellung nicht als Bedingung angeführt wurde. Eine weitere Frage zur aktiven Sterbehilfe wurde mittels eines konkreten Fallbeispiels gestellt.

Knapp 48% der ÖsterreicherInnen sind für aktive Sterbehilfe

Die Ergebnisse zur passiven Sterbehilfe: 68% der ÖsterreicherInnen sind dafür, 22% dagegen und 10% unentschieden. Männer sind mit 71% pro-Stimmen tendenziell etwas stärker dafür als Frauen (65% dafür).
Die aktive Sterbehilfe befürworten 47,5% der österreichischen Bevölkerung, 37,5% sind dagegen und 15% unentschieden. Männer votierten mit 51% Pro-Stimmen häufiger für aktive Sterbehilfe als Frauen mit 44%. Dies entspricht einer Abnahme von 14% im Vergleich zur Studie desselben Institutes aus dem Jahr 2010 und entspricht in etwa den Ergebnissen von Befragungen aus den Jahren 2000 und 2006.
Die Ergebnisse zur Beihilfe zur Selbsttötung: 43% der ÖsterreicherInnen sind dafür, 41% dagegen und 16% unentschieden. Männer sind mit 46% pro-Stimmen tendenziell etwas stärker dafür als Frauen (39% dafür).

In einem Fallbeispiel zur aktiven Sterbehilfe mit einem alten sterbenskranken Patienten, der unter starken Schmerzen leidet, sind 54% der Befragten dafür, dass ein Arzt auf Wunsch des Patienten sein Leben mit einer tödlichen Spritze beendet. Diese Ergebnisse spiegeln die prinzipielle Einstellung der Bevölkerung zur Sterbehilfe wider, jedoch bedeutet dies nicht die Forderung nach einer gesetzlichen Regelung, wie sie zB. in den Niederlanden existiert.

Einstellung zur aktiven Sterbehilfe wird auch durch Bildung und weltanschauliche Überzeugungen geprägt

Bei jüngeren Menschen findet sich eine höhere Zustimmung zur aktiven Sterbehilfe als bei älteren. Personen, die nur eine Pflichtschule abgeschlossen haben, sprechen sich im Vergleich zu anderen Bildungsschichten am häufigsten dagegen aus. Personen, die sich politisch links einordnen, befürworten aktive Sterbehilfe eher, als jene die sich rechts einordnen, ähnlich verhält es sich mit der Zuordnung zu liberal vs. nicht liberal. So gut wie keine Unterschiede zeigen sich zwischen Personen, die bereits Sterbende begleitet haben und jenen, die keine Erfahrung dieser Art haben. Der stärkste Einflussfaktor scheint die Religiosität zu sein, je religiöser desto häufiger wird aktive Sterbehilfe abgelehnt. Sehr religiöse Personen befürworten aktive Sterbehilfe zu 27%, während dies gar nicht religiöse Personen zu 60% tun.

„Bemerkenswert an den Ergebnissen ist im Besonderen der massive Rückgang der Befürwortung aktiver Sterbehilfe in Österreich in den letzten Jahren. Aktuelle Studien in Deutschland zeigen hingegen, dass mindestens zwei Drittel der Bevölkerung aktive Sterbehilfe in repräsentativen Umfragen befürworten. Diese doch massive Trendwende in Österreich scheint auf die jüngst geführte politische und mediale Diskussion um die Verankerung eines Verbotes der aktiven Sterbehilfe im Verfassungsrang zurückzuführen sein. Dieser Umstand demonstriert eindrücklich, wie filigran die Meinungsbildung zu diesem schwierigen ethischen Thema in der Bevölkerung ist. Daher erscheint eine vertiefende, sachlich geführte Diskussion in Politik, Medien und Öffentlichkeit für eine fundierte Meinungsbildung unumgänglich“, interpretiert Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Freidl die Studienergebnisse.


Weitere Information:
Univ.-Prof. Dr. Wolfgang Freidl
Institut für Sozialmedizin und Epidemiologie
Medizinische Universität Graz
eMail:
Tel: +43 316 380 4397
 



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