"Graz-Procedure" ermöglicht Operationen mit weniger Aufwand und Kosten

Minimal-invasive Schilddrüsenchirurgie

Dass die Zahl der Menschen mit mehr oder weniger unschönen Narben am Hals als sichtbarem Zeichen einer Kropfoperation seit Jahren abnimmt, ist nicht nur ein Erfolg der Jodsalzprophylaxe, sondern auch das Ergebnis neuer Operationsmethoden. Zu den weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet gehören Univ.-Prof. Dr. Gerhard Wolf und seine „Arbeitsgruppe für Endokrine Chirurgie“ an der Universitätsklinik für Chirurgie der Medizinischen Universität Graz. Die von den steirischen Chirurgen optimierte und weiterentwickelte minimal-invasive Schilddrüsenoperationstechnik wird mittlerweile in der Fachwelt als ‚Graz-Procedure’ bezeichnet. 

Bis vor wenigen Jahren waren Schilddrüsenoperationen eine relativ aufwendige Sache. In der Regel dauerte der stationäre Aufenthalt inklusive Operationsvorbereitung etwa drei Wochen. Standardzugang war der bis zu sieben Zentimeter lange Kocher’sche Kragenschnitt oberhalb der Drosselgrube. Dank der Entwicklung neuer Instrumente und Technologien konnten in letzter Zeit in vielen operativen Fächern die herkömmlichen Operationstechniken durch minimal-invasive endoskopische Eingriffe ergänzt oder ersetzt werden. Auch in der Schilddrüsenchirurgie wurde nach neuen Zugangswegen gesucht, um Narben am Hals zu vermeiden. „Bei den heute verwendeten endoskopischen Methoden werden die Schnitte in der Achselhöhle, im Bereich der Brustwarze oder hinter dem Ohr gesetzt“, erläutert Prof. Wolf. „Das erfordert jedoch nicht nur spezielle Geräte und langwierige Präparationen, sondern vergrößert auch den Aufwand und die Kosten für die Operation enorm.“ Aus diesem Grund konnte sich auch die Endoskopie in der Schilddrüsenchirurgie nie wirklich durchsetzen.
 
Statt den operativen Aufwand aufzublähen, setzen die Grazer Chirurgen auf den entgegengesetzten Weg: Unter dem Motto „Reducing the procedure and maintaining the excellence“ optimierten sie eine ebenfalls minimal-invasive, aber offene Operationstechnik. Ziel war es, eine einfache, sichere, ökonomische und leicht erlernbare Variante der Schilddrüsenoperation zu entwickeln. Das Ergebnis dieser Entwicklungsarbeit ist beeindruckend: Operiert wird heute über einen nur noch 1,5 cm langen Hautschnitt, der kosmetisch kaum ins Gewicht fällt. Möglich wurde die kleine Schnittführung vor allem durch neue Instrumente: „Früher benötigte man große Schnitte vor allem deswegen, weil man im Operationsgebiet mit den Fingern knüpfen musste“, so Prof. Wolf. „Heute ist das nicht mehr notwendig, weil blutende Gefäße mit winzigen Elektrokoagulationsgeräten verschlossen werden können.“ Da Patienten mit großen Kröpfen selten geworden sind, können 75-80 % der Schilddrüsenoperationen auf diese Weise durchgeführt werden. Selbst bösartige Schilddrüsenerkrankungen und Lymphknoten werden in Graz minimal-invasiv operiert. Nur wenn ein Karzinom sehr fortgeschritten ist, die Schilddrüse die Luftröhre einengt oder größere Teile hinter dem Brustbein liegen, kommt noch die herkömmliche Operationsmethode zum Einsatz.
 
Da die für das ‚Graz-Procedure‘ benötigten Instrumente nicht neu entwickelt, sondern nur adaptiert werden mussten, ist die Methode relativ kostengünstig. Zudem konnte nicht nur der apparative Aufwand und das Operationstrauma, sondern auch die Operationsdauer erheblich reduziert werden: Während Patienten bei endoskopischen Schilddrüsenoperationen in der Regel mehrere Stunden auf dem Operationstisch liegen, dauert eine offene minimal-invasive Schilddrüsenoperation oft nicht einmal eine Stunde. Das bedeutet, dass auch mehr Patienten pro Tag operiert werden können. Eingebunden ist die innovative Operationsmethode in ein ‚Fast-Track-Surgery‘-Konzept, das die stationäre Verweildauer durch die Optimierung der präklinischen und innerklinischen Abläufe deutlich verkürzt. Wenn alles optimal klappt, können die Patienten das Krankenhaus bereits nach 48 Stunden wieder verlassen.
 
Pro Jahr werden von Prof. Wolf und seinem Team etwa 400 Schilddrüsenoperationen durchgeführt. Dem großen Interesse an der patientenfreundlichen und kostengünstigen Operationsmethode wird mit regelmäßigen postgradualen Fortbildungskursen Rechnung getragen. Spätestens seit Prof. Wolf von Prof. Paolo Miccoli, Pisa, dem wohl bekanntesten Schilddrüsenchirurgen der Welt, eingeladen wurde, seine Methode bei einem hochkarätigen Operationskurs in Paris vorzustellen, ist das ‚Graz-Procedure‘ auch zu einer international etablierten Marke geworden. 

Weitere Informationen:

Univ.-Prof. Dr. Gerhard Wolf
Klinische Abteilung für Allgemeinchirurgie, Universitätsklinik für Chirurgie der Med Uni Graz
eMail:
Tel: +43 316 385 82739
 

Univ.-Prof. Dr. Gerhard Wolf


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