PK Egger

Erste Professur für biopsychosoziale Medizin in der Lehre - Univ.-Prof. Dr. Josef W. Egger

Kommunikation als Wirk- und Heilmittel in der Humanmedizin

Der Arztberuf ist in seinem Kern ein kommunikativer Beruf. Neben den pharmakologischen und chirurgisch-technischen Einflussnahmen besteht ärztliches Handeln zu einem guten Teil auch aus psychologischen Wirkfaktoren. Der Patient von heute erwartet, dass der Arzt zu einer problem-lösenden Kommunikation befähigt ist. Er will mit seinen Beschwerden, Ängsten und Vorstellungen wahrgenommen werden. Der Arzt wiederum ist auf die Mitarbeit des aufgeklärten Patienten angewiesen. Beides unterstreicht die Notwendigkeit, dass angehende Ärzte schon in ihrer Ausbildung eine ausreichende kommunikative Kompetenz erwerben. Wissenschaftliche Medizin auf der Höhe der Zeit muss also gleichzeitig mit “Wort”, “Arznei” und “Messer” arbeiten. Um dieses Ziel zu erreichen, hat die Medizinische Universität Graz - ihrem Leitbild entsprechend - den ersten Lehrstuhl mit Schwerpunkt kommunikative Kompetenz errichtet. 

Bedeutung des zugrundeliegenden biopsychosozialen Modells

 
Studien haben ergeben, dass etwa 50% der Diagnosen allein aufgrund der im Rahmen einer ausführlichen Anamnese (Ergebnis der Befragung des Patienten) gewonnenen Informationen gestellt werden können. Ca. 80% der Diagnosen stehen nach genauer Anamnese und klinischer Untersuchung fest. Für 20% sind allerdings weiterführende Untersuchungen nötig. 80% - 95% der Patienten wollen eine möglichst genaue Aufklärung hinsichtlich Diagnose und Prognose und wollen in die weiteren medizinischen Schritte einbezogen werden. Im Behandlungsverlauf beeinflusst die Kommunikation ganz wesentlich das Vertrauen und den Therapieerfolg. Daher ist die Ausbildung zukünftiger Ärzte im Bereich der kommunikativen Kompetenz von großer Bedeutung. Studierende der Medizin sollen auch die Risiken für die Entwicklung und Aufrechterhaltung von Krankheiten, die mit der Persönlichkeit sowie mit den sozialen und ökologischen Lebensumwelten der Patienten verbunden sind, ansatzweise erkennen und handhaben lernen.
 
Die Med Uni Graz hat die biopsychosoziale Medizin als Leitbild des Studiums ausgewiesen. Im biopsychosozialen Modell steht der Mensch in seiner Ganzheit, mit seinen Beschwerden und in seinem gesamten Lebensumfeld im Zentrum. Er ist der Empfänger der medizinischen Interventionen und auch der geforderte Arbeitspartner für das Erreichen eines Behandlungserfolges. Patienten erwarten vor allem, diagnostische und prognostische Informationen zu bekommen. Allerdings werden diese Erwartungen häufig nicht zufriedenstellend erfüllt. Die Gründe dafür sind vielfältig und liegen sowohl auf Seiten des Arztes als auch beim Patienten selbst. So haben z.B. die Patienten nicht gelernt, was und wie sie mit dem Arzt kommunizieren sollen, und sprechen von sich aus wichtige Themen nicht an, teilweise auch in der Hoffnung, dass der Arzt schon selbst danach fragen wird. Der Arzt nimmt seinerseits an, dass der Patient keine Fragen hat, weil er keine stellt - ein Missverständnis auf beiden Seiten. Hier braucht es eine beiderseitige Verbesserung der kommunikativen Kompetenz - etwa einerseits im Sinne einer Aufklärung der Patienten, besser vorbereitet in das Gespräch mit dem Arzt zu gehen und z.B. eine Stichwort-Liste zu den wichtigsten Fragen mitzubringen. Und Ärzte sollten andererseits darin trainiert werden, relevante Inhalte und Anliegen zu erfragen, wenn diese nicht vom Patienten selbst angesprochen werden.
 
„In der biopsychosozialen Medizin hat die Kommunikation einen bedeutsamen Platz. Denn der Arzt nützt hier die „Arznei“, das „Messer“ und auch das „Wort“ gleichermaßen als therapeutische Werkzeuge“. Auf diese Weise erreichen wir eine ganzheitliche, d.h. integrierte Medizin auf wissenschaftlicher Basis,“ so Univ.-Prof. Dr. Josef W. Egger. 

Zukünftige Herausforderungen an die Lehre für eine integrierte Medizin

 
Ziel - Welche Ärzte braucht das Land?
Ärzte brauchen nicht nur eine technische und pharmazeutische Kompetenz, sondern ebenso eine kommunikative Kompetenz, um den Herausforderungen der Zukunft gewachsen zu sein. Die Patienten wollen adäquat informiert und aufgeklärt werden, wollen mitentscheiden, wollen als individuelle Menschen mit ihrem Leid ernst genommen und betreut werden.

Lehr-Inhalte
Kommunikation als Wirk- und Heilmittel in der Humanmedizin
Professionalisierung der sprechenden Medizin (die Kunst des ärztliches Gesprächs) und
Professionalisierung der Arzt-Patient-Beziehung (Arbeitsbündnis zur Optimierung des Erfolgs)

Ausbildungs-Didaktik
Biopsychosoziale Medizin in der Lehre: Vermittlung von Wissen (ausreichende wissenschaftliche Kenntnis), Wollen (adäquate Motivation, professionelle Haltung) und Können (ausreichende kommunikative Fertigkeiten) für eine integrierte wissenschaftliche Medizin des 21. Jhds. 

Erforderliche Ausbildung an der Med Uni Graz

 
Angehende Ärzte sollen schon in ihrer Ausbildung eine ausreichende kommunikative Kompetenz erwerben. Dazu wurden verschiedene Maßnahmen an der Medizinischen Universität Graz gesetzt, wie zum Beispiel die Einführung des Moduls „Kommunikation/Supervision/Reflexion“, die „Med Uni Graz-Helpline“ und die Etablierung eines „Mentoring-Programms“ für Studierende:
 
Modul Kommunikation/Supervision/Reflexion
Das verpflichtende Modul leistet einen wesentlichen Beitrag zum Erwerb biopsychosozialer Kompetenz im Studium der Humanmedizin. Wissen, Fertigkeiten und professionelle Haltung werden den Studierenden in vier Lehrveranstaltungsreihen vermittelt. Es wird sowohl das Gestalten eines professionellen ärztlichen Gespräches als auch das Gelingen einer Problem lösenden Arzt-Patienten-Beziehung erlernt. Mit Hilfe einer solcherart verbesserten psychosozialen Kompetenz kann der zukünftige Arzt auf alle drei Wirkfaktoren der modernen Medizin parallel zugreifen – nämlich „Wort“, „Arznei“ & „Messer“.
 
Organisation, Betreuung der Med Uni Graz-Helpline
Mit der so genannten Med Uni Graz-Helpline steht den Studierenden eine Anlaufstelle für verschiedenste Probleme zur Verfügung. Studierende helfen Studierenden, Probleme zu erörtern und Lösungen zu suchen – und das auf völlig unbürokratische, schnelle Weise. Unter dem Motto „Hilfe zur Selbsthilfe“ wird diese Selbsthilfegruppe von höhersemestrigen und speziell geschulten Studierenden betreut. Die häufigsten Anliegen der Studierenden sind erfahrungsgemäß verschiedenste Ängste, finanzielle Schwierigkeiten, Troubles mit Eltern oder Partnern oder ein alles okkupierender Zeitaufwand für das Studium bzw. hohe Anforderungen in der Ausbildung.
 
Aufbau und Betreuung des Mentoring-Programms für Studierende
An der Med Uni Graz wurde ein innovatives Programm zur Betreuung von Studierenden eingeführt, welches eine Begleitung vom ersten Studienjahr bis zum Berufseinstieg ermöglicht. So genannte Junior-Mentoren (speziell ausgebildete höhersemestrige Studierende) begleiten Studierende vom ersten bis zum vierten Semester. Ab dem fünften Semester stehen Senior-Mentoren (Lehrende der Med Uni Graz) mit Rat und Tat zur Seite. Eine Erweiterung des Mentoring-Programms ist in Form der Betreuung von Turnusärzten und Ärzten in Facharztausbildung vorgesehen.
 
„Seit Jahrzehnten wird die mangelnde kommunikative Kompetenz der Akteure im Gesundheitswesen beklagt. Die Medizinische Universität Graz hat das bereits vor Jahren durch die Etablierung des biopsychosozialen Modells als Grundlage der Studiengänge entschieden in Angriff genommen. Durch die Professur von Prof. Egger erfährt das Thema eine weitere Aufwertung und sichtbare Optimierung“, so Univ.-Prof. Dr. Josef Smolle, Rektor der Med Uni Graz.

Antrittsvorlesung Univ.-Prof. Dr. Josef W. Egger

Freitag, 14. Oktober 2011, 15.00–17.00 Uhr
Ort: Hörsaal Pathologie, Auenbruggerplatz 25, 8036 Graz
Thema: „Zuerst heile mit dem Wort ...? – Zur Bedeutung der Kommunikation in der Humanmedizin” 

Weitere Informationen:

Univ.-Prof. Dr. Josef W. Egger
Professor für biopsychosoziale Medizin in der Lehre
Universitätsklinik für Medizinische Psychologie und Psychotherapie
Tel.: +43/316/385-13042
 

Univ.-Prof. Dr. Josef W. Egger, Rektor Univ.-Prof. Dr. Josef Smolle


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