Spezialambulanz und Forschungseinheit für bipolare Störungen

Medizinische Universität Graz

Lifestyle

Lebensstil und Darmgesundheit

Im Bereich "lifestyle" beschäftigen wir uns klinische als auch wissenschaftlich mit den Zusammenhängen von Lebensstilfaktoren- wie Bewegung und Ernährung- und der Entwicklung von psychischen Erkrankungen. Wir wissen dass regelmässige Bewegung psychischen Erkrankungen entgegenwirken kann und die Rückfallhäufigkeit affektiver Phasen reduzieren kann. 

Ebenso widmen wir uns intensiv dem Thema der Darmgesundheit auf verschiedenen Ebenen. Die Darm-Hirn-Achse ist Gegenstand intensiver Forschung, da diese Achse ver-mutlich an der Stressverarbeitung maß- geblich beteiligt ist. Stress und andere psychosomatische Faktoren begünstigen Veränderungen der Besiedelung unseres Darms, aber auch umgekehrt kann die Darmbesiedelung unser Denken beeinflussen. Der Darm beinhaltet einen großen Teil aller menschlichen Immunzellen und ist mit mehreren Millionen Nerven- zellen ausgestattet, sodass er über den Vagusnerv Botschaften zwischen Darm und Gehirn übermittelt. Studien im Tiermodell unterstützen die Hypothese, dass der Einfluss des Magen-Darm-Mikrobi- oms auf das Gehirn über mehrere unterschiedliche Mechanismen erfolgt. Humanstudien zeigten zudem, dass etwa die extraintestinale Disseminierung darmstämmiger Bakterien („bakterielle Translokation“) bei Personen mit affektiven Erkrankungen häufiger waren als bei psychisch gesunden Menschen und dass Menschen mit Depressionen und bipolaren Störungen ein verändertes Mikrobiom (veränderte Darmflora) aufweisen. 

Das Ziel unserer Studie im Bereich der Darmgesundheit ist es durch die Veränderung der Darmbakterien auch psychische Symptome positiv beeinflussen zu können. 

Artikel zum Thema: https://www.access-guide.at/magazin/gutes-bauchgefuehl/

 

Was hat die Depression mit dem Darm zu tun? Link zum Vortrag va livestream

 

Adipositas und bipolare Erkrankung

Übergewicht und Adipositas stellen ein wachsendes Problem in der Gesellschaft dar. Bekannt ist, dass Übergewicht/Adipositas mit zahlreichen Begleit- und Folgeerkrankungen wie dem metabolischen Syndrom, kardiovaskulären Erkrankungen, Krebserkrankungen, orthopädischen und respiratorischen Beschwerden sowie gynäkologischen Problemen verbunden ist. Weniger bekannt ist, dass neben den körperlichen Folgeschäden und der damit verbundenen reduzierten Lebenserwartung, Adipositas auch mit kognitiven Dysfunktionen und einer reduzierten Plastizität des Gehirns assoziiert ist. Als kognitive Dysfunktionen werden Störungen des Denkens und der Denkleistung bezeichnet. Beispiele hierfür sind Störungen des Kurz- oder Langzeitgedächtnisses und der Exekutivfunktionen, wobei unter letzteren eine Vielzahl an kognitiven Prozessen und Konzepten zusammengefasst werden, welche dabei helfen, sich in neuen Situationen zurecht zu finden und das tägliche Leben zu meistern und zu planen (wie Aufmerksamkeit, Flexibilität des Denkens, verbales Überlegen, Probleme lösen, Planen, abstraktes Denken, kognitive Flexibilität, das Erleben von Belohnung und Bestrafung, die Regulation des eigenen Sozialverhaltens und das Treffen von emotionalen und sozialen Entscheidungen). Der Zusammenhang zwischen Übergewicht/Adipositas und kognitiver Dysfunktion ist mittlerweile durch eine Vielzahl an Studien bei jüngeren, als auch bei älteren Menschen belegt. Übergewicht/Adipositas geht überproportional häufig mit der Entwicklung von psychischen Erkrankungen, wie depressiven Verstimmungen, und manisch-depressiven Erkrankungen einher. Grund dafür dürften ebenfalls chronische Entzündungsprozesse sein, die einerseits bei Adipositas, andererseits aber auch bei psychischen Erkrankungen eine große Rolle spielen. Überernährung führt zudem zu einer Erhöhung von Tryptophan (TRP), das ein Vorläufer von Serotonin und Melatonin ist, und eine bedeutende Rolle bei der Regulation der Nahrungsaufnahme spielt. Die Dreiecksbeziehung „Adipositas-Psychische Erkrankung-Kognitive Dysfunktion“ ist hier besonders spannend, da auch psychische Erkrankungen mit starken kognitiven Defiziten (wie Konzentrationsschwäche, Aufmerksamkeitsproblemen, Gedächtnisstörungen etc.) einhergehen. Chronische Entzündung und Veränderungen in immunologischen Abläufen beeinflussen den enzymatischen Aminosäurestoffwechsel von z.B. Tryptophan und Tyrosin. Diese sind Vorläuferprodukte für Adrenalin, Noradrenalin und Serotonin und Veränderungen in der Produktion dieser Monoamine können neuropsychiatrische Symptome verstärken. Es besteht daher eine Wechselwirkung zwischen den Vorgängen, die den Entzündungsprozess beeinflussen und dem Monoaminostoffwechsel bzw. den neuropsychiatrischen Erkrankungen.

Artikel zum Thema: "Übergewicht/Adipositas, psychische Erkrankung und kognitive Dysfunktion … eine Ménage-à-trois"

Adipokine und Fettstoffwechsel

Man weiß heute, dass unser Fettgewebe nicht nur als Speicher von Fett, und damit Energie, dient, sondern mit den sogenannten Adipokinen hunderte bioaktive Stoffe produziert und freisetzt. Diese haben zahlreiche Funktionen im menschlichen Organismus und sind an vielen verschiedenen physiologischen Prozessen beteiligt. Eines der bekanntesten Adipokine ist das Leptin; ein Hormon, das im Gehirn das Auftreten von Hungergefühlen hemmt und eine wichtige Rolle bei der Regulierung des Fettstoffwechsels spielt. Nach längerem Fasten oder wenn die Fettdepots des Körpers reduziert werden, nimmt die Konzentration des Leptins im Blutkreislauf ab, was eine Zunahme des Appetits bewirkt. Leptin und andere Adipokine können entweder entzündungsfördernde oder entzündungshemmende Eigenschaften besitzen und sind an der Entstehung von Erkrankungen, die oft mit Übergewicht einhergehen, beteiligt. Da Insulinresistenz, Typ 2-Diabetes, metabolisches Syndrom sowie Herz-Kreislauf-Erkrankungen auch häufig mit der bipolaren affektiven Störung vergesellschaftet sind und nicht nur die Lebensqualität sondern auch die Lebenserwartung von Betroffenen dramatisch reduzieren können, ist die Erforschung dieser Zusammenhänge von großer Wichtigkeit. Darüber hinaus gibt es aus wissenschaftlichen Untersuchungen Hinweise darauf, dass einige Adipokine nicht nur Einfluss auf die körperlichen Begleiterkrankungen der bipolaren affektiven Störung ausüben können, sondern auch direkt an der Entstehung mancher psychiatrischen wie Veränderungen der Stimmungslage sowie Konzentrations- und Gedächtnisstörungen beteiligt sein könnten.

Doktorandin: Dr. Martina Platzer

Kardiovaskuläre Erkrankungen bei bipolarer Störung

Ein weiteres Forschungsprojekt ist die „PSYSTIFF“-Studie, einer Forschungskooperation mit der Versicherungsanstalt öffentlich Bediensteter (BVA) und der österreichischen Gesellschaft für Hypertensiologie (ÖGH) am Therapiezentrum Justuspark in Bad Hall in Oberösterreich.

 Hier untersuchen wir die Zusammenhänge zwischen psychischer Gesundheit und arterieller Gefäßsteifigkeit (englisch: arterial stiffness), einem medizinischen Marker für den Gesundheitszustand der Arterienwände. Diese wird meistens durch die Bestimmung der Pulswellengeschwindigkeit (PWV) ermittelt. Moderne Geräte können die PWV zum Beispiel im Rahmen einer 24-Stunden Blutdruckmessung ermitteln. Eine erhöhte arterielle Gefäßsteifigkeit kann früh auf mikrostrukturelle (also feinste) Schäden in der Arterienwand hinweisen, die sich in weiterer Folge beispielsweise durch eine Hypertonie (also Bluthochdruck) äußern können (Oberösterreich). Durch bisherige Untersuchungen in diesem Bereich konnte festgestellt werden, dass PatientInnen mit Bluthochdruck und gleichzeitig vorhandener depressiver Symptomatik auch eine erhöhte Pulswellengeschwindigkeit zeigten im Vergleich zu psychisch gesunden PatientInnen mit Bluthochdruck (Greko et al. 2017). Ebenso hatten depressive PatientInnen, als auch PatientInnen mit Angsterkrankungen eine höhere PWV, als psychisch gesunde Personen (Greko et al. 2017). Ziel der PSYSTIFF-Studie ist es daher auch festzustellen inwiefern die arterielle Gefäßsteifigkeit im Rahmen der psychiatrischen Rehabilitation beeinflussbar ist, und mit welchen psychischen, anthropometrischen, laborchemischen und kognitiven Parametern dies einhergeht.

 

Doktorand: Dr. Carlo Hamm

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