Spezialambulanz und Forschungseinheit für bipolare Störungen

Medizinische Universität Graz

 

Die Stigmatisierung psychisch kranker Menschen ist ein über die Jahrhunderte anhaltendes Problem und leider auch in der heutigen Gesellschaft mit all ihren Folgen präsent. Klassische stigmatisierende Situationen sind im Bereich des beruflichen Kontextes, der sozialen Integration oder des privaten Umfelds zu finden. Weniger bekannt, aber mindestens ebenso gravierend, ist die somatisch-medizinische Stigmatisierung, d.h. die somatische „Schlechter“-versorgung von psychisch kranken Menschen. Seit Jahren wird vermutet, dass Menschen mit einer psychischen Erkrankung häufiger an körperlichen (somatischen) Erkrankungen leiden (wie z.B. Adipositas, Diabetes mellitus, kardiovaskulären Erkrankungen etc.) als die Allgemeinbevölkerung, und dadurch mitbedingt auch eine deutlich reduzierte Lebenserwartung aufweisen (Crump et al., 2013). Erste Studien an österreichischen PatientInnen konnten vordergründig kardiovaskuläre Erkrankungen, Hypertonie, Schilddrüsenerkrankungen und Adipositas als häufigste medizinische Probleme bei Menschen mit psychischen Erkrankungen beobachten (Reininghaus, 2017). Auch in der Spezialambulanz für bipolare Erkrankungen an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin in Graz konnten wir eine stark erhöhte Prävalenz an Übergewicht bei bipolaren („manisch-depressiven“) PatientInnen feststellen. Bis zu 70% der hier behandelten PatientInnen sind übergewichtig und zumindest 20% leiden an Adipositas inklusive dem gesundheitsgefährdenden metabolischen Syndrom (Lackner et al., 2015). Internationale Daten besagen zudem, dass mehr als 40% der psychiatrischen PatientInnen an mindestens drei medizinischen Zusatzerkrankungen leiden und auch die Sterblichkeit daran überproportional hoch ist (Altamura et al., 2011). Neben einer genetischen Vulnerabilität und diversen anderen Risikofaktoren, wie negative Kindheitserfahrungen und chronische Stressoren, beeinflussen Aspekte des Lebensstils oder Krankheitssymptome diesen Zusammenhang ebenfalls maßgeblich.

 

Das Ziel dieses Projektes mit dem Arbeitstitel „Psyche, Ökonomie, Medizin: Spannungsfelder in der Versorgung psychiatrischer Patientinnen und Patienten im österreichischen Gesundheitswesen“ ist es eine mögliche Benachteiligung von psychisch-kranken Menschen in der somatischen Versorgung in der Steiermark aufzuzeigen. Im Rahmen dieses Projekts wird die Häufigkeit von sowie der Umgang mit  somatischen Komorbiditäten bei Menschen mit einer psychischen Erkrankung anhand von qualitativen und quantitativen Methoden aus Sicht von PatientInnen, PrimärversorgerInnen und PsychiaterInnen evaluiert. Unter somatischen Komorbiditäten werden medizinische Zusatzerkrankungen verstanden, man spricht in diesem Zusammenhang auch von Doppel- oder Mehrfachdiagnose. Darüber hinaus werden im vorliegenden Projekt ökonomische Aspekte der Versorgungssituation anhand ausgewählter Indikatoren analysiert. Daraus ergeben sich Handlungsempfehlungen für die bessere Versorgung somatischer Komorbiditäten bei psychischen Erkrankungen sowie für das zukünftige Unterbinden etwaiger Benachteiligungen, welche im Sinne der Zwei-Klassen-Medizin vermutet werden.

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