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Bauernhof

Allergien: Gute Landluft

Im Interview mit der KLEINEN ZEITUNG spricht Peter Tomazic über den Bauernhofeffekt bei Allergien.

Bauernhofeffekt: Kann Stallluft wirklich Allergien heilen?

Schniefende Nase, tränende Augen, juckende Stellen auf der Haut: Jeder kennt jemanden, der von einer Allergie betroffen ist, oder hat selbst mit solchen Erscheinungen zu kämpfen. Und das ist kein Wunder, denn im Schnitt leidet jeder dritte Mensch an einer Allergie. Diese ist nicht nur unangenehm, sondern kann sich durch Schwellungen und Atemnot lebensbedrohlich auswirken. Außerdem besteht eine hohe Gefahr, Asthma zu entwickeln. Besonders verbreitet sind Allergien auf Hausstaubmilben und Pollen. Da stellt sich die Frage, was vorab gegen den Ausbruch eines solchen Leidens schützen kann.


Eine weit verbreitete Theorie, die einem seit Jahren immer wieder zu Ohren kommt: der Bauernhofeffekt. Diese Hypothese besagt: Bauernhofkinder sind besser vor Allergien geschützt. Aber liefert das Aufwachsen zwischen Stall und Feldern wirklich einen Schutz gegen manche Arten von Allergien? „Der Bauernhof ist hier eine Metapher für das Leben in natürlicher oder naturbelassener Umgebung. Im Prinzip besagt die Bauernhoftheorie das, was schon in den 1980er-Jahren in der Hygienehypothese dargelegt wurde“, sagt Peter Tomazic, HNO-Experte der Med Uni Graz. „Darin ist festgehalten, dass unser Immunsystem, wenn es mit mehr Umwelteinflüssen und Bakterien in Kontakt kommt, weniger empfänglich ist für den Ausbruch von Allergien.“ In sterilen Umgebungen hingegen ist das Immunsystem weniger gefordert. Wer schon als Kind viel Zeit in der Natur verbringt, baut von Anfang an ein kräftigeres Immunsystem auf. „Hierfür wird gerne der Bauernhof als Beispiel genommen, weil Bauernhofkinder oft viel Zeit draußen verbringen.


Aber auch in der Stadt ist es möglich, genug Stunden im Grünen zu sein – etwa im Park oder im angrenzenden Wald. Es gibt auch viele Stadtkinder mit einem kräftigen Immunsystem und Bauernhofkinder mit Allergien“, sagt Tomazic. 43 Prozent der Allergiker in Österreich leiden an einer Pollenallergie. Damit ist es die mit Abstand verbreitetste Allergieform. An zweiter Stelle folgen Nahrungsmittelallergien mit rund 18 Prozent. 14 Prozent der Allergiker in Österreich reagieren allergisch auf Hausstaub oder Hausstaubmilben. Diese Form kann gut mittels Hyposensibilisierung behandelt werden. 80 Prozent aller Asthmatiker leiden auch an Allergien. Und umgekehrt: Einer von drei Allergikern erkrankt im Laufe seines Lebens an Asthma. Nur die Hälfte aller Allergien wird ärztlich diagnostiziert. Bei einer Allergie nimmt das Immunsystem gewisse, eigentlich harmlose Stoffe, wie Pollen, als gefährlich wahr und reagiert darauf mit Abwehr.


Das äußert sich dann in Form der bekannten Symptome. Hat der Körper die harmlosen Stoffe einmal als gefährlich eingestuft, ist es schwer, ihn wieder vom Gegenteil zu überzeugen: Gelingen kann das nur durch Hyposensibilisierung (siehe Textbox). Hyposensibilisierung ist ein Verfahren, das es möglich macht, eine Allergie wieder loszuwerden. Dabei wird dem Körper über Jahre in regelmäßigen Abständen eine geringe Dosis des Stoffes verabreicht, der die Allergie auslöst. So soll sich das Immunsystem langsam an den Stoff gewöhnen und merken, dass er keine Gefahr darstellt. Dadurch wird Toleranz entwickelt und das Immunsystem lernt aktiv um. In der Wissenschaft wird weiter daran gefeilt, nach heilsamen Stoffen in der Bauernhofluft zu suchen. Gerade neu am Markt ist eine Lutschtablette, die Beta-Lactoglobulin beinhaltet – ein Stoff, der in Kuhmilch und Kuhstallluft gefunden werden kann. Diese soll nach einer dreimonatigen Kur allergische Reaktionen mildern.


Eine erste Studie, bei der Allergiker nach der regelmäßigen Einnahme der Lutschtabletten in einer Expositionskammer großen Mengen an Hausstaub ausgesetzt wurden, zeigt eine eindeutige Verringerung der allergischen Reaktionen. „Die Betroffenen sind sehr gut geschützt und sie vertragen die Lutschtablette ohne Probleme“, sagt Karl-Christian Bergmann, der die Studie durchführte. Dafür spricht, was ein Forscherteam um Martin Depner bei einer Studie mit Kindern herausfand: „Wir stellten fest, dass ein vergleichsweise großer Teil der Schutzwirkung des Bauernhofs vor Asthma auf die Reifung des Darm-Mikrobioms im ersten Lebensjahr zurückzuführen ist“, sagt Depner. Die Forscher gehen davon aus, dass Bauernhofkinder mit Bakterien in Berührung kommen, die mit Mikroorganismen im Verdauungstrakt interagieren und diesen Schutzeffekt schaffen. Beim Pollenwarndienst der MedUni Wien kann sich jeder registrieren. Via SMS wird man dann über aktuelle Pollenbelastungen informiert. Der Dienst ist mittlerweile auch als App verfügbar.


Textnachweis: KLEINE ZEITUNG vom 13.02.2021, Redakteurin: Teresa Guggenberger


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