Krebspatient*innen, die einen Herzinfarkt erleiden, sind einer besonders gefährlichen Kombination von Risiken ausgesetzt: Sie haben ein höheres Sterberisiko, ein höheres Blutungsrisiko und ein höheres Risiko für weitere ischämische (wie zum Beispiel Herzinfarkte oder Schlaganfälle) Ereignisse. Daher wurden Krebspatient*innen systematisch aus vielen klinischen Studien und bestehenden Risikoscores ausgeschlossen. Bislang gab es für diese Patient*innengruppe kein standardisiertes Instrument zur Risikovorhersage.
Internationale Studie mit Med Uni Graz-Beteiligung
Ein internationales Forschungsteam, angeführt vom Med Uni Graz-Absolventen Florian Wenzl, hat in Zusammenarbeit mit Maria Smolle vom Comprehensive Cancer Center der Med Uni Graz nun das erste Risikovorhersagemodell für Krebspatient*innen mit Herzinfarkt entwickelt. Die in The Lancet veröffentlichte Studie hat mehr als eine Million Herzinfarktpatient*innen aus England, Schweden und der Schweiz, darunter über 47.000 mit einer Krebserkrankung untersucht. Die Ergebnisse zeigen, dass Krebspatient*innen eine auffallend schlechte Prognose haben: Innerhalb von sechs Monaten starb fast jede*r Dritte, etwa jede*r Vierzehnte erlitt eine schwere Blutung, und jede*r Sechste erlitt einen weiteres ischämisches Ereignis.
Forschungsteam setzt auf künstliche Intelligenz
Das Instrument mit dem Namen ONCO-ACS nutzt künstliche Intelligenz, um krebsbezogene und klassische kardiovaskuläre Faktoren zu kombinieren und so die Sterblichkeit, schwere Blutungen und ein ischämische Ereignisse vorherzusagen. Obwohl Krebs und Herz-Kreislauf-Erkrankungen traditionell als getrennte Krankheitsbilder betrachtet werden, unterstreichen die Ergebnisse das enge Zusammenspiel beider Erkrankungen. Abhängig von den Eingenschaften des Tumors können Krebspatient*innen ein erhöhtes Blutungsrisiko, ein erhöhtes Risiko für arterielle Blutgerinnsel oder beides aufweisen – was eine jeweils unterschiedliche Behandlung mittels Plättchenhemmer nach dem Herzinfarkt erfordert. Das neue Tool soll Ärzt*innen dabei helfen Nutzen und Risiken besser gegeneinander abzuwägen.
„Krebspatient*innen mit Herzinfarkt wurden in der klinischen Forschung lange vernachlässigt, obwohl sie eine der herausforderndsten Gruppen in der Kardiologie darstellen“, so Erstautor Florian Wenzl. „Fortschritte in der Krebsbehandung führen dazu, dass viele Fachdisziplinen mit steigenden Zahlen an Patient*innen mit einer Krebsdiagnose konfrontiert sind. Multidisziplinäre Behandlungsansätze werden immer wichtiger.“, fügt Maria Smolle hinzu.
Ausblick auf personalisierte Behandlung
Indem sowohl Krebs- als auch Herzerkrankung individuell berücksichtigt werden, stellt ONCO-ACS einen Schritt in Richtung ganzheitliche Medizin dar. Die Forschenden hoffen, dass der ONCO-ACS-Score bald in die klinische Praxis integriert und zur Planung zukünftiger Studien genutzt wird – mit dem Ziel, die Behandlung von Krebspatient*innen mit Herzinfarkt zu verbessern.