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MetAGE: Auf den Spuren des Alterns an der Med Uni Graz

Auf den Spuren des Alterns: In Graz startet eine großangelegte Altersstudie, der Studienleiter erklärt, was jeder jetzt schon für ein langes Leben in Gesundheit tun kann.


In Graz startet eine große Altersstudie: Gab es etwas Vergleichbares schon einmal?

Thomas Pieber: So etwas gab es noch nicht, denn das Besondere an dieser Studie ist: Wir bringen die Grundlagenforschung, die Prozesse in Fruchtfliegen oder Mäusen untersucht, mit Erkenntnissen aus der Untersuchung am Menschen zusammen. Wenn wir bei Studienteilnehmern etwas beobachten, können wir in Modellorganismen testen, ob es wirklich einen Zusammenhang gibt. Insofern ist diese Studie das größte Forschungsprojekt in Österreich, das sich mit dem Alterungsprozess auseinandersetzt.


Welchen Fragen sind Sie dabei konkret auf der Spur?

Prinzipiell ist es so: Alles, was lebt, altert. Wir wollen verstehen, welche Abläufe im Körper passieren, zentral dabei ist die Regeneration. Regeneration hat einerseits mit Heilung zu tun, andererseits auch mit Alterung. Eine zentrale Frage ist: Welchen Einfluss hat Übergewicht auf Alterungsprozesse? Auf welche Organsysteme, wie das Herz oder das Gehirn wirkt sich Übergewicht negativ aus? Und was passiert, wenn Menschen Gewicht verlieren? Neue Ergebnisse zeigen, dass Übergewicht ein zentraler Faktor für frühzeitige Alterung sein könnte.


Mit den „Abnehmspritzen“ gibt es nun Medikamente gegen Adipositas: Ist das Problem damit gelöst?

Nein: Wir können Patient*innen nun ein Hilfsmittel anbieten, um Gewicht zu verlieren. Aber die große Frage ist: Wie kann ich mein Gewicht nach der Abnahme halten in einer Umwelt, in der hochkalorisches, hochverarbeitetes Essen ständig verfügbar ist, in der wir uns immer weniger bewegen? Aus der Evolution heraus ist unser Stoffwechsel so gebaut, dass wir viel mehr essen können als wir momentan brauchen – aber auch dafür, längere Phasen ohne Nahrung auszuhalten. Nur gibt es diese Phasen nicht mehr. Übergewicht ist daher ein großes gesellschaftliches Problem und einer der Gründe dafür, dass zwar unsere Lebenserwartung steigt, aber wir viele dieser zusätzlichen Lebensjahre in Krankheit verbringen. Daher ist unser übergeordnetes Ziel, das gesunde Altern zu verstehen.


Fasten ist der Gegenspieler zum ständigen Essen: Kann Verzicht das Leben verlängern?

Wenn man an Übergewicht leidet, ist es jedenfalls sinnvoll, die Kalorienaufnahme zu reduzieren. Besonders effektiv ist das Alternate-Day-Fasting, wobei einen Tag gegessen und einen Tag gefastet wird. Nur: Das ist für viele Menschen nicht lebbar. Eine offene Frage ist: Welche Fastenform ist am effektivsten, auch für das gesunde Altern? Auch das werden wir mit unseren Studienteilnehmer*innen untersuchen, anhand von sogenannten Stoffwechsel-Uhren: Das sind Biomarker im Blut, die gesunde Gewichtsreduktion anzeigen können. Wir wissen, dass durchs Fasten ein Aufräumprozess in unseren Zellen ausgelöst wird, die Autophagie.


Welche anderen Faktoren beschleunigen die Alterung?

Wir wissen, dass negativer Stress, wenn man zum Beispiel in einer Mobbing-Situation steckt, den Alterungsprozess beschleunigen kann. Das schauen wir uns auch anhand von Haarproben an, denn das Stresshormon Cortisol wird in den Haaren gespeichert. Ein anderer Faktor ist der Schlaf: Unser Schlaf ist in unserer Gesellschaft leider unter die Räder gekommen.


Wie meinen Sie das?

Unser modernes Leben stört den Schlaf: Durch Lärm- und Lichtverschmutzung, aber wir berauben uns ja auch selbst unseres Schlafs. Dabei braucht das Gehirn Ruhe und Dunkelheit dringend, um sich zu regenerieren! Schlafmangel ist sehr ungesund und beschleunigt die Alterung. Wir wissen auch, dass Menschen, die einen regelmäßigen Tag-Nacht-Rhythmus haben, einen viel gesünderen Stoffwechsel haben. Ganz wichtig ist natürlich: Bewegung! Bis zu 50 Prozent unserer Körpermasse sind dazu da, uns zu bewegen. Muskeln sind ein wichtiges Stoffwechselorgan, die Botenstoffe produzieren, die unsere Organe gesund erhalten. Wenn wir am Tag nur auf 3000, 4000 Schritte kommen, ist das zu wenig!


Was lehren Sie jene Menschen, die sich jenseits der 90 noch fit fühlen?

Wir haben schon die ersten „Super-Ager“ in unsere Studie aufgenommen und sind gespannt, was wir von ihnen lernen können. Mit dem saloppen Satz, „das werden die Gene sein“, ist es nicht getan: Es gibt ja bereits Untersuchungen aus Japan oder den USA zu diesen Superalten, dabei zeigt sich: Keiner dieser Menschen ist stark übergewichtig oder raucht. Aber es gibt noch vieles, das wir beim gesunden Altern nicht verstehen.


Trotzdem hoffen viele darauf, dass es einmal die eine Pille gegen das Altern geben wird: Gibt es dafür Kandidaten?

Wir kennen Stoffe, die dieselben Effekte im Körper auslösen wie längeres Fasten – wir nennen sie Fasten-Mimetika. Ein bekannter Stoff ist Spermidin: Dieser Botenstoff signalisiert der Zelle: Wir sind in einer Fastenperiode, es kommt wenig Energie von außen, du kannst dich jetzt regenerieren, den Müll, der sich in der Zelle angesammelt hat, aufräumen. Aber es gibt viele offene Fragen: Auf welche Organsysteme wirkt Spermidin und in welcher Dosierung muss es eingenommen werden? Daneben gibt es noch andere interessante Kandidaten, wie den Pflanzenstoff Resveratrol, Quercetinoder Vitamin-Kombinationen.


Der Jahreswechsel ist die Zeit für gute Vorsätze: Welchen Vorsatz empfehlen Sie, um möglichst lange gesund zu leben?

Mein Rat: Weniger ist mehr. Man kann sich vornehmen, ab und zu eine Mahlzeit pro Tag auszulassen und sie durch kalorienfreie Flüssigkeit zu ersetzen. Dadurch lernt der Körper, mit Essenspausen umzugehen und man sieht: Ein bisschen Hunger ist nicht schlimm. Gleichzeitig lernen unsere Zellen diese Regenerationsphasen zu nutzen. Dafür brauche ich kein Medikament! 

Der Zulauf zur Studie „Pro-MetAge“ war bereits enorm: Mehr als tausend Menschen haben sich bereits gemeldet. Gesucht werden allerdings noch Teilnehmer mit Übergewicht – bisher haben sich vor allem Menschen gemeldet, die bereits sehr gesund leben. 

Wer die Forschung ermöglicht Die Altersstudie wird vom Exzellenzcluster MetAGE durchgeführt, ein Zusammenschluss von Forschenden der Uni Graz, der Med Uni Graz, der MedUni Wien und der Joanneum Research. Der vom Wissenschaftsfonds FWF sowie vom Land Steiermark und der Stadt Graz geförderte Cluster betreibt auch das neue Zentrum für Gesundes Altern in Graz.

Infos und Anmeldung zur Studie finden Sie hier: www.metage.at/de/kontakt

Textnachweis: Sonja Krause, Kleine Zeitung vom 19.12.2025