Patient*innensicherheit und Nachhaltigkeit in der Chirurgie - Foto: Maksim Shmeljov/AdobeStock.com

Medizin sicherer und nachhaltiger machen

Einen „wichtigen Meilenstein – sowohl für die Medizinische Universität Graz als auch für das österreichische Gesundheitsweisen“ nennt Gerald Sendlhofer jene Professur, die er seit September 2025 inne hat. Der promovierte Biologe ist bereits seit 2012 am Aufbau des Forschungsfeldes Patient*innensicherheit an der Medizinischen Universität Graz beteiligt. Seine Forschung konzentriert sich auf Digitalisierung, Gesundheitskompetenz und Sicherheitskultur im Gesundheitswesen. Über seine neue Aufgabe sagt er: „Erstmals werden zwei zentrale Themen in der Medizin – nämlich Patient*innensicherheit und Nachhaltigkeit – strukturell und wissenschaftlich an einer österreichischen Universität verankert.“ Obwohl der Lehrstuhl in der Chirurgie angesiedelt ist, werden die Aspekte der Sicherheit in allen Fachdisziplinen berücksichtigt. „Die Professur eröffnet neue Chancen, Forschung, Lehre und klinische Anwendbarkeit zu intensivieren, da dem Thema mehr Sichtbarkeit und Aufmerksamkeit gegeben wird.“


Bereits geplante Projekte

Gerald Sendlhofer hat sich viel vorgenommen: So möchte er künftig vor allem die Forschung im Bereich Fehlerprävention im chirurgischen Setting, die Medikationssicherheit, die Kommunikations- und Sicherheitskultur intensivieren sowie Prozesse nachhaltig gestalten. Nachhaltigkeit bezieht sich unter anderem auf die Reduktion von papiergestützten Prozessen hin zu digitalisierten Workflows. Dies trägt maßgeblich zur Reduktion des CO2-Verbrauchs bei. Nachhaltigkeit in der Patientensicherheit bedeutet auch, Bedingungen zu schaffen, die dauerhaft ein sicheres Behandlungssystem gewährleisten, kontinuierlich lernen und aufrechterhalten werden. Einiges davon soll durch Künstliche Intelligenz unterstützt werden. Besonders Hochrisikobereiche des Gesundheitswesens sollen von Gerald Sendlhofers Arbeit profitieren –  und er gibt Einblick in bereits in Arbeit befindliche und geplante Projekte: „Medikationssicherheit (mit KI-Unterstützung), digitale Prä-OP- und OP-Checkliste (mit KI-Unterstützung), Etablierung von Vorhersagemodellen zur Früherkennung bestimmter Erkrankungen, Entscheidungshilfen unter Nutzung von KI, Entwicklung von Patient Journey-Apps, um Patient*innen digital durch den gesamten Behandlungsprozess zu begleiten (von der Diagnose über die Therapie bis zur Nachsorge), Etablierung einer Sicherheitskultur sowie Etablierung von Patient and Public Involvement and Engagement (PPIE). Die Kernbotschaft bei PPIE ist, dass Gesundheitssysteme und Forschung mit Menschen, also Patient*innen und Bürger*innen, gestaltet werden, und nicht für sie.“


Relevanz der Forschung

Eigentlich sollte Patient*innensicherheit selbstverständlich sein – ist sie aber in der Praxis oft nicht, erinnert der Experte. „Fehler sind menschlich und unerwünschte Ereignisse passieren – viele davon sind jedoch vermeidbar. Veränderungsprozesse sind auch nicht von heute auf morgen etabliert. Neue Herangehensweisen, die beitragen sollen, die Patient*innensicherheit zu forcieren, müssen von Mitarbeitenden akzeptiert werden. Das benötigt Zeit, Wissensvermittlung und entsprechende Kennzahlen.“ Umso wichtiger ist die Forschung dazu: „Sie macht Risiken sichtbar, entwickelt gezielte Interventionsstrategien und schafft Grundlagen für strukturierte Qualitätsverbesserungen. Ein weiterer Aspekt ist die Förderung einer Sicherheitskultur, die nicht Schuldige sucht, sondern den Wissensschatz nutzt, um zu lernen. Moderne Sicherheitsforschung verbindet medizinisches Wissen mit Erkenntnissen aus Psychologie, Systemwissenschaften und Organisationsentwicklung – genau hier liegt ein enormes Potenzial für Innovation.“


Beispiel OP-Checkliste

Da sich das Gesundheitswesen sehr schnell weiterentwickelt, ist es wichtig, Maßnahmen zu etablieren, die nachhaltig und nützlich sind, erinnert Gerald Sendlhofer. Als Beispiel nennt er die OP-Checkliste, mit der wichtige Schritte vor, während und nach der OP dokumentiert werden: 

„Beispielsweise wurde die OP-Checkliste bis vor drei Jahren auf Papier ausgefüllt, anschließend gescannt und zu der jeweiligen Krankengeschichte abgespeichert. Dies bedeutete alleine in allen Krankenhäusern der Steiermärkischen Krankenanstaltengesellschaft m.b.H. jährlich mehr als 200.000 Dokumente, die gespeichert wurden. Durch die vollständige Digitalisierung dieses Prozesses können nun zwei Tonnen Papier jährlich eingespart werden und es werden auch Personal-Ressourcen geschont, die die Dokumente bislang scannen mussten. Obendrein wird teurer Speicherplatz gespart.“ 


Gemeinsame Arbeit

Dafür braucht es die Zusammenarbeit mit verschiedenen Abteilungen im Gesundheitswesen. Gerald Sendlhofer: „Die Professur ist interdisziplinär angelegt und versteht sich als Schnittstelle zwischen klinischer Praxis, Forschung und universitärer Lehre. Wir arbeiten eng mit allen Fachabteilungen, Pflege, Krankenhausmanagement und der Medizininformatik zusammen. Externe Kooperationspartner – etwa aus der Industrie – sind ebenso Teil des Netzwerks.“ Auch international wächst das Interesse an der Verbindung von Patient*innensicherheit und Nachhaltigkeit im klinischen Kontext. Ähnliche Professuren gibt es in Bern und in Bonn. „Wir stehen im Austausch mit verschiedenen Forschungsgruppen und Fachgesellschaften. Ziel ist es, Graz als Impulsgeber in einem zukunftsorientierten Netzwerk zu positionieren“, resümiert Gerald Sendlhofer.

Textnachweis: Österreichischer Wissenschaftsblog der Österreichischen Universitätenkonferenz

Kontakt

Univ.-Prof. Priv.-Doz. Mag. Dr.
Gerald Sendlhofer 
Klinische Abteilung für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie
Medizinische Universität Graz
T: +43 316 385 12998