Ein Konferenztisch, fünf Frauen, ein offenes Gesprächsklima mit gemeinsamem Ziel: Medizin als Handwerk – und die Frage, wie Karrieren gelingen, ohne dass junge Talente auf dem Weg dorthin verloren gehen. Es ging um Strukturen, ja. Vor allem aber ging es um Kultur – jene feinen, oft unsichtbaren Mechanismen, die darüber entscheiden, ob Talent aufblüht oder versandet. Rektorin Andrea Kurz sowie Kathrin Eller (Nephrologie), Annkristin Heine (Hämatologie), Christine Moissl-Eichinger (Hygiene, Mikrobiologie und Umweltmedizin) und Barbara Plecko (Allgemeine Pädiatrie) – fünf Biografien, fünf Perspektiven – und ein bemerkenswert ähnlicher Grundton: Begeisterung ist der Motor, aber es braucht auch die passenden Rahmenbedingungen.
Frau Rektorin, was ist für Sie persönlich das Schönste an Ihrer Aufgabe?
Andrea Kurz: Am meisten gibt mir, junge Menschen zu sehen, die mit großem Enthusiasmus unterwegs sind – als Ärztinnen und Ärzte, als Forschende, als Lehrende. Und ich schätze die Möglichkeit, tatsächlich etwas zu verändern: Werte, Führungskultur, Zusammenarbeit. Es geht natürlich auch um Leistung – aber es schwingen immer auch andere Dinge mit: Wie begegnen wir einander? Wie gehen wir mit Furcht und Unsicherheit um? Mir ist ein gelebter Kulturwandel wichtig.
Kulturwandel – was heißt das konkret im Alltag einer Universität?
Andrea Kurz: Vorleben. Gerade bei Kultur geht es nicht um schöne Worte, sondern darum, wie man selbst auftritt: offen, respektvoll, klar. Wir versuchen das im Rektorat zu leben. Es gibt an der Med Uni Graz viele Menschen, die diese Haltung ohnehin tragen. Das ist ein gutes Fundament.
Frau Moissl-Eichinger, was treibt Sie in Ihrer Arbeit an – worauf sind Sie besonders stolz?
Christine Moissl-Eichinger: Ich bin Vollblutforscherin. Ich liebe es, Dinge verstehen zu wollen, neugierig zu sein. Und ich freue mich, wenn diese Begeisterung überspringt – auf Studierende, auf das Team. Wenn junge Leute mit eigenen Ergebnissen kommen, sieht man, wie aus gemeinsamer Neugier ein gemeinsames Ziel entsteht. Das ist für mich ein sehr besonderer Moment.
Wie erleben Sie die Med Uni Graz als Arbeitsort?
Christine Moissl-Eichinger: Ich kam aus einem eher konservativen Umfeld, wo hierarchische Strukturen stärker männlich geprägt waren. In Graz habe ich das anders erlebt.
Frau Eller, Sie verbinden Klinik und Forschung – was war auf Ihrem Weg besonders prägend?
Kathrin Eller: Ich bin seit 2011 hier und bin als junge Fachärztin gekommen. Ich habe klinische Führung Schritt für Schritt gelernt und versucht, die Translation hineinzuarbeiten – also Forschung und Klinik wirklich zu verbinden. Prägend war für mich auch die Familiengründung mit der Geburt meiner beiden Kinder. In dieser Phase ist es sehr stressig, die „PS auf den Boden“ zu bringen – Lehre, Forschung und Klinik gleichzeitig.
Wo muss man hier konkret ansetzen?
Kathrin Eller: Gerade in den ersten Jahren mit kleinen Kindern braucht es sehr viel Unterstützung – nicht nur Kinderbetreuung, sondern auch im Labor, damit Forschung weiterlaufen kann. Wenn man in diesem Druckkochtopf aus Klinik, Forschung und Lehre wirklich dranbleiben soll, braucht es in dieser Phase noch einmal extra Unterstützung. Sonst verlieren wir in dieser Phase zu viele Talente.
Frau Plecko, Sie sind nach Jahren internationaler Tätigkeit bewusst nach Graz zurückgekommen. Warum?
Barbara Plecko: Ich schätze die Kombination hier sehr: Uniklinik mit Forschung und Spitzenmedizin und zugleich ein versorgendes Krankenhaus. Für die Ausbildung ist das ein breites, sehr gutes Setting. Und ich erlebe ein gutes Miteinander, klinisch wie fachlich. In meinem Umfeld gibt es tragfähige Netzwerke – man schätzt sich gegenseitig, und das ist in der Medizin nicht selbstverständlich.
Welche neuen Chancen eröffnen sich Frauen heute in der Medizin?
Barbara Plecko: Rund 60 Prozent der Studierenden an der Med Uni Graz sind weiblich. Das heißt: Frauen müssen sich in allen Fächern entwickeln können, auch in operativen Bereichen und in forschungsintensiven Disziplinen. Der Weg ist nicht immer einfach, aber er ist offen – und man kann ihn gehen. Sie sprechen oft über Forschungskarrieren – was brauchen junge Ärztinnen und Ärzte, um in die Wissenschaft hineinzufinden? Barbara Plecko: „Protected Time“. Geschützte Forschungszeit in Blöcken, nicht nur stundenweise nebenbei. Wer nur kleinteilig mitarbeitet, entwickelt keine wissenschaftliche Identität. Man muss einmal mehrere Monate am Stück in die Forschung eintauchen können – sonst bleibt es ein Randprogramm.
Frau Heine, Sie sind erst seit Kurzem in Graz. Was hat Sie hergeführt – und was begeistert Sie an Ihrem Fach?
Annkristin Heine: Die Hämatologie hat mich immer fasziniert – besonders die Schnittstelle zu Immunzellen. Mich begeistert, wie Zellen miteinander „reden“, wie sie interagieren. In Graz war es eine einmalige Chance: eine klinisch hervorragende Abteilung zu übernehmen und gleichzeitig hochwertige Forschung, Lehre und Nachwuchsförderung zu gestalten. Hämatologie ist ein Vorreiterfach – neue Therapien entstehen in der Forschung und sind manchmal nur Monate später bereits in der klinischen Anwendung.
Sie sind mit drei Kindern übersiedelt. Was braucht es, damit solche Schritte gelingen?
Annkristin Heine: Es braucht realistische Rahmenbedingungen. Man lässt familiäre Strukturen zurück – Eltern, enge Freunde. Umso wichtiger sind gute Kinderbetreuung und funktionierende Unterstützungssysteme vor Ort.
Wie bereichern weibliche Perspektiven Forschung und Lehre – jenseits von Klischees?
Annkristin Heine: Der wichtigste Punkt ist Diversität: andere Denkweisen, neue Ideen, Innovation. Diversität ist ein Treiber von Neuem – und davon profitiert Forschung genauso wie Klinik.
Christine Moissl-Eichinger: Ich glaube, die Generationen werden prinzipiell offener und flacher in den Hierarchien.
Andrea Kurz: Flachere Hierarchien sind essenziell, aber in Österreich sind viele Strukturen noch sehr eingefahren. Sie aufzubrechen wird eine zentrale Aufgabe der nächsten Jahre sein.
Welchen Rat möchten Sie jungen Frauen in der Wissenschaft mitgeben?
Annkristin Heine: Mutig und sichtbar sein. Für die eigenen Fähigkeiten einstehen – ohne Überheblichkeit. Und: eine Nische finden. Das macht einen „unique“ und hilft, echte Expertise aufzubauen.
Barbara Plecko: Wünsche und Pläne ernst nehmen – und dann Chancen mutig ergreifen. Manchmal heißt das: ins Ausland gehen, etwas wagen. Und vor allem: Den Jungen sagen, dass Rückschläge normal sind.
Kathrin Eller: Der Faszination folgen. Was man wirklich gern macht, macht man gut – und man hält durch, auch wenn es schwer wird.
Christine Moissl-Eichinger: Träume nicht zu schnell aufgeben und an Strukturen anpassen. Und: sich professionelle Hilfe holen – Coaching, gute Netzwerke, Weiterbildung. Viele Frauen nutzen das zu wenig. Karriere entsteht nicht einfach, sie braucht aktive Planung.
Andrea Kurz: Hartnäckig bleiben. Aufstehen, wenn es nicht geht. Und keine Angst vor Scheitern – das ist schwer zu lernen, aber essenziell.
Und zum Schluss – mit Blick nach vorne: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?
Andrea Kurz: Dass wir über Gleichstellung nicht mehr sprechen müssen, weil sie selbstverständlich geworden ist. Forschung hat kein Geschlecht. An der Med Uni wünsche ich mir deutlich mehr Frauen in Führungspositionen – das Potenzial ist da.
Christine Moissl-Eichinger: Dass Frauen wieder mehr Zeit für Forschung haben. Solange es wenige Frauen in Leitungsfunktionen gibt, leisten dieselben Frauen oft überproportional viel Gremienarbeit. Das kostet Zeit, die dann in Forschung und Lehre fehlt.
Barbara Plecko: Dass wir junge Talente früher für Forschung gewinnen – und ihnen Strukturen geben, damit sie dranbleiben können. Niemand wird als Forscherin geboren. Man muss es ermöglichen.
Kathrin Eller: Dass wir die Frauen, die in der Familienphase oft aus der Wissenschaft wegkippen, wirklich gut durch diese Jahre bringen – und damit nicht die Expertise aus Klinik und Forschung verlieren.
Annkristin Heine: Transparenz, Perspektiven und Wertschätzung. Gerade nach Auszeiten ist es doppelt hart. Wenn man Frauen halten will, muss man fairer in Strukturen denken – und klar zeigen, dass ihre Arbeit gesehen wird.
Interview: Elisabeth Stoimaier, Die STEIRERIN