Die radiologische und nuklearmedizinische Lehre erfordert ein tiefes Verständnis komplexer Bildgebungen. Klassische Methoden wie Vorlesungen oder statische Fallbesprechungen stoßen hier jedoch oft an ihre Grenzen: Studierende bleiben meist passive Beobachter*innen, während eine einzelne Abbildung an die Wand projiziert wird. Eine echte Interaktion, wie sie im klinischen Alltag gefordert ist, findet kaum statt.
Genau hier setzt das prämierte Projekt „Befundung neu erleben: Interaktive Radiologie-Lehre für die Zukunft“ an. “Wir wollen den entscheidenden Schritt von der passiven Betrachtung zur aktiven, diagnostischen Analyse gehen”, so Sebastian Tschauner, Leiter der Klinischen Abteilung für Kinderradiologie der Med Uni Graz. Kernstück des Projekts ist die Implementierung der neu entwickelten, webbasierten Plattform rapmed.net in die Lehre des Moduls „Bildgebung und Biostatistik“. Die Anwendung ermöglicht es seit Kurzem, den nächsten Evolutionsschritt zu gehen: Komplexe Schnittbildverfahren wie CT und MRT werden in Echtzeit von der*dem Vortragenden auf die Endgeräte aller Studierenden im Raum verteilt. Diese können sich per QR-Code einloggen und auf ihrem eigenen Smartphone, Tablet oder Laptop den vorgestellten Fall bearbeiten – so, als säßen sie an einer echten kleinen Workstation. Sie können durch die Schichten der jeweiligen Untersuchung scrollen, pathologische Veränderungen direkt im Bild markieren und ihre Verdachtsdiagnose über interaktive Quizformate abgeben.
Durch Echtzeit-Feedback und „Gamification“-Elemente, wie etwa eine Konsensus-Karte, die anzeigt, in welchen Bereichen einer Untersuchung die Mehrheit der Student*innen eine Pathologie vermutet, wird der Lernprozess dynamisch und motivierend. Sowohl vonseiten der Lehrenden als auch der Studierenden kann detaillierter auf die charakteristischen Befunde und Merkmale einer Erkrankung eingegangen werden. Dies fördert nicht nur das Erkennen von Krankheitsbildern, sondern schult auch die diagnostische Kompetenz auf eine praxisnahe und nachhaltige Weise. Das Projekt ist mehr als nur der Einsatz einer neuen Software. Es ist ein didaktisches Gesamtkonzept, das auch mehrere Ziele der universitären Strategie in die Praxis umsetzt.
In einer Pilotphase wird die Plattform schrittweise in die bestehenden Seminareinheiten des Humanmedizin-Moduls PM XVII implementiert. Diese Einheiten werden fallbasiert unterrichtet und wurden bisher mittels Abstimmungssystem bespielt, das nun durch die neue Software ersetzt wird. Nach erfolgreicher Implementierung wird das Format über 300 Studierenden pro Semester in der Pflichtlehre zur Verfügung stehen können. Mittelfristig wird so eine noch modernere, flexiblere und vor allem interaktivere Radiologie-Lehre entstehen, die unsere zukünftigen Ärzt*innen bestmöglich auf die Herausforderungen des Klinikalltags vorbereitet.