„Über Jahrzehnte hinweg wurden in vorklinischen und klinischen Studien vorwiegend männliche Versuchstiere und Männer als Probanden eingesetzt. Meist wurde das damit begründet, dass hormonelle Schwankungen bei weiblichen Tieren und Frauen als Probandinnen zu einer erhöhten Variabilität der Forschungsdaten führten. So waren die Bedenken groß (und oftmals auch begründet), dass die Forschungsergebnisse während des Menstruationszyklus sowie bei Probandinnen vor und nach der Menopause zu stark schwanken.
Daneben waren Sicherheitsbedenken ein Grund für den Ausschluss von Frauen. So galt beispielsweise jahrzehntelang ein striktes Verbot für Schwangere und Stillende, an klinischen Studien teilzunehmen. Frauen im gebärfähigen Alter durften meist nur nach Vorlage eines negativen Schwangerschaftstests an den Studien mitwirken, was mit einem deutlichen Mehraufwand verbunden war und oft dazu führte, dass Frauen ausgeschlossen wurden. Nachdem die WHO im Jahr 2002 (!) schließlich betont hatte, wie wichtig es ist, bei Forschungsprojekten systematisch zu prüfen, ob Geschlecht und Gender in den Zielsetzungen und Methoden berücksichtigt werden, zogen auch andere Institutionen nach. Förderorganisationen, Ethikkommissionen und Regulierungsbehörden begannen gezielt Maßnahmen zu ergreifen, um die Einbeziehung unterschiedlicher Geschlechter stärker zu fördern und die Studienkohorten diverser zu gestalten. Seit 2014 dürfen aufgrund einer EU-Verordnung zudem auch schwangere Frauen an klinischen Studien teilnehmen, sofern die Nutzen-Risiko Einschätzung positiv ausfällt. Dennoch ist die Teilnahme von Frauen und Männern an den verschiedenen Phasen der klinischen Studien zum Teil unausgewogen. So zeigt eine Übersichtsarbeit aus 2018, welche Daten aus mehr als 1.500 klinischen Studien untersuchte, dass vor allem Phase-I-Studien nach wie vor eine unausgewogene Geschlechterverteilung (64,1% Männer zu 35,9% Frauen) aufweisen.
Dies führte dazu, dass wichtige geschlechtsspezifische Unterschiede in der Entstehung und Symptomatik sowie in der Behandlung oft übersehen werden – was die medizinische Versorgung von Frauen beeinträchtigte und möglicherweise auch der Grund ist, warum Frauen weniger Jahre in Gesundheit erleben als Männer. So unterscheiden sich die Geschlechter in ihrer Immunantwort auf Antigenstimulation, Impfungen und Infektionen. Männer zeigen grundsätzlich eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen mit Bakterien, Viren und Pilzen sowie gehäuft schwere Krankheitsverläufe, während Frauen signifikant häufiger unerwünschte Reaktionen auf Impfungen als Männer entwickeln. Auch bei Herzinfarkten zeigen sich klare Unterschiede: sie manifestieren sich bei Frauen nicht nur anders, sondern treten im Durchschnitt etwa zehn Jahre später auf- unter anderem aufgrund des rotektiven Effekts der Östrogene bis zur Menopause. In der Folge ist die Sterblichkeitsrate allerdings besonders hoch, da es häufiger zu Fehldiagnosen kommt und dadurch eine adäquate Behandlung verzögert bleibt.
Zusätzlich zeigen Medikamente bei Frauen oft ein anderes Wirkungsspektrum, da sie im Durchschnitt ein geringeres Körpergewicht, weniger Körperwasser und einen höheren Körperfettanteil aufweisen. All dies beeinflusst die Verteilung von Medikamenten im Körper erheblich. Hinzu kommt, dass die Aktivität bestimmter Abbauenzyme variiert: Einige Wirkstoffe werden schneller, andere langsamer metabolisiert. Auch die renale Ausscheidung erfolgt bei Frauen häufig verzögert. Auf zellulärer Ebene unterscheiden sich zudem die Rezeptoren- die potenziellen Andockstellen für Medikamente- sowie die nachgeschaltenen Signalwege.
Diese Erkenntnisse zeigen auf, dass geschlechtsspezifische Unterschiede in der medizinischen Forschung und bei Diagnose und Behandlung berücksichtigt werden müssen, um die Sicherheit und Wirksamkeit der Therapien zu sichern. Darüber hinaus scheint es dringend erforderlich, auch – unabhängig vom Geschlecht – bisher unterrepräsentierte Gruppen wie übergewichtige Menschen, Personen in der Menopause, People of Color und transgeschlechtliche Personen stärker in präklinische und klinische Studien einzubeziehen, um eine inklusive medizinische Versorgung und damit ein gesundes Altern für alle zu gewährleisten.“